Weltfrauentag 2019

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Weltfrauentag 2019: Gleiche Chancen?
Warum es Frauenorganisationen auch heute noch braucht.


Am Podium:  Vzbgm. Heidi Schuster-Burda, Bezirksobfrau Bregenz | Stadträtin Angelika Benzer, Bezirksobfrau Dornbirn | Bundesrätin Martina Ess, Mitglied der Landesleitung | LTVP Martina Rüscher, Landesleiterin


Am 08. März findet der Weltfrauentag statt – ein passender Zeitpunkt für die Vorarlberger Frauenbewegung, um einen Blick auf Frauenrechte zu werfen. Gerade 2019 ist zudem ein besonderes Jahr, weil vor genau 100 Jahren die ersten acht Frauen in den Österreichischen Nationalrat eingezogen sind. Sie haben das aktive und passive Wahlrecht für Frauen durchgesetzt, einen wichtigen Meilenstein für alle Frauen.

Die Frage, ob es heute, 100 Jahre später, überhaupt noch eine Frauenbewegung braucht, beantworten wir mit einem klaren „Ja!“: Solange wir strukturelle Ungleichheiten in unserer Gesellschaft, in der Wirtschaft, in der Bildung, der Gesundheit oder in der Politik haben, die Frauen benachteiligen, solange braucht es Frauenorganisationen, die hier Lösungen erarbeiten und sich dafür stark machen. 

Das heißt für uns aber nicht, dass Frauen und Männer gleich werden müssen. Es heißt,

- dass wir die Unterschiede gleichberechtigt leben können

- dass die Aufgaben von Frauen und Männern gleich viel wert sind und

- dass Frauen und Männer frei wählen können, welchen Aufgaben sie sich in ihrem Leben widmen möchten und sowohl gesellschaftlich, aber auch finanziell dafür Wertschätzung erfahren.

Frauen und Männer sollen nicht nur gleiche Rechte, sondern auch die gleichen Chancen haben. Noch haben wir das nicht erreicht.

 

Gleiche Chancen für Frauen und Männer in der Politik:

Mitgestalten heißt mitbestimmen. Nur wenn Frauen mitreden, können ihre Zugänge entsprechend berücksichtigt werden. Dafür braucht es vor allem eines: Mut. Wer eine Situation ändern will und das aus vielen guten Gründen, der muss sich zu allererst selber ändern. Wir Frauen müssen heraus aus einer (möglicherweise) zugedachten Rolle. Wir Frauen können die Dinge, wenn wir das wollen, auch selber ändern. Es ist möglicherweise nicht so einfach und vielleicht auch unangenehm, sich gegen eine Mehrheit zu positionieren, oft auch gegen „selbstverständliche“ Gewohnheiten, besonders in diesem Fall lohnt es sich aber! 

In der Politik wird uns Frauen zu oft jene Rolle zugedacht, die wir auch im gesellschaftlichen Kontext – einnehmen, die Bereiche Familie, Soziales, Pflege sind quasi „gemacht“ für uns. Suchen und wählen wir doch bewusst auch andere Politikbereiche aus, wie Finanzen, Wirtschaft, Digitalisierung oder Sicherheit! Am internationalen Frauentag richten wir daher eine „dringende“ Einladung an die Frauen, sich mit Politik zu beschäftigen, das Angebot der Parteien zur Kandidatur anzunehmen, sich sichtbar und hörbar zu machen.

Die Vorarlberger Frauenbewegung bietet dafür ein attraktives Mentoringprogramm an. Frauen können langsam in die Politik einsteigen und eine Mentorin hilft bei allen Fragen. Und bis es soweit ist, helfen uns Quoten. Die Vorarlberger Volkspartei hat 2019 erstmals eine Regelung einzuhalten, dass auf allen wählbaren Plätzen 50 Prozent Frauen aufgestellt werden müssen, auf der Gesamtliste 40 Prozent Dies gibt talentierten, qualifizierten und motivierten Frauen gleiche Startchancen.

Und ebenfalls wichtig: es braucht mehr Solidarität für Frauen von Frauen.

 

Gleiche Chancen für Frauen und Männer am Arbeitsmarkt

Die Einkommensschere schließt sich zwar, aber viel zu langsam. Noch immer verdienen Frauen zwischen 10 und 13 Prozent weniger für gleiche Leistungen als Männer (bereinigt).

Derzeit sind Unternehmen ab 150 Mitarbeiter verpflichtet, alle zwei Jahre Einkommensberichte zu veröffentlichen. Diese müssen evaluiert, österreichweit zusammengeführt und noch besser kommuniziert werden – nicht alle Frauen wissen davon. Sie bringen aber bedeutende Vorteile z.B. bei Gehaltsverhandlungen.

Viele Mädchen entscheiden sich bei der Ausbildung für klassische – oft niedrig bezahlte – typisch weibliche Berufe. Weiterhin müssen wir jungen Menschen die Vielfalt der Berufe aufzeigen und sie auch für neue Richtungen begeistern. Wir benötigen aber auch höhere Löhne in niedrig bezahlten, aber wichtigen Berufsgruppen, wie beispielsweise in der Pflege, im Handel, in den Schulen, Kindergärten oder der Kinderbetreuung.

Und über allem braucht es ein selbstbewusstes Auftreten von Frauen – insbesondere bei Vorstellungsgesprächen und Gehaltsverhandlungen. Von Personalberatern wissen wir, dass sich Frauen sehr oft „unter Wert“ präsentieren – nur selten wird der Arbeitgeber von sich aus dann einen höheren Lohn anbieten. Also: Mut und Selbstbewusstsein stärken!

 

Gleiche Chancen für Frauen und Männer vor dem Gesetz

Grundsätzlich gilt das Recht für alle gleich. Aber vor allem in einem Bereich wissen wir, dass meist Frauen betroffen sind und die aktuellen rechtlichen Maßnahmen nicht ausreichen: im Gewaltschutz.

Wir fordern daher konkrete Maßnahmen gegen „Hass im Netz“, wie das digitale Vermummungsverbot, das derzeit diskutiert wird. Das Internet darf kein rechtsfreier Raum sein. Es braucht verbindliche Verpflichtungen für Sorgfalt und Verantwortung für Online-Plattformen.

Wesentlich ist für uns auch Präventionsarbeit, wie das Thema „Gewaltfreie Beziehung“ in die Lehrpläne in unseren Schulen aufzunehmen. Junge Menschen müssen lernen, Konflikte ohne Gewalt zu lösen.

Und ein weiterer wichtiger Baustein ist für uns Täterarbeit, denn diese ist ebenfalls ein wichtiger Opferschutz. Wenn Täter beispielsweise nach einer Wegweisung sofort begleitet werden und ihnen geholfen wird, ihre Aggression zu bewältigen, kann vieles verhindert werden.

 

Gleiche Chancen für Frauen und Männer in der Familie, der Kindererziehung und damit auch in der Pension:

Frauen erhalten rund 40 Prozent weniger Pension. Sehr oft ist dies mit einer langen Unterbrechung der Erwerbsarbeit begründet oder einer sehr langen Teilzeitbeschäftigung.

Wir brauchen daher eine gleichmäßige Aufteilung der Sorge- und Erwerbsarbeit zwischen Männern und Frauen. Das heißt, wir wünschen uns mehr Väterbeteiligung in der Kinderbetreuung. Die Diskussionen für einen Rechtsanspruch auf Papa-Monat begrüßen wir daher sehr, auch wenn es nur ein kleiner Baustein ist.

Weit bedeutender ist aus unserer Sicht das verpflichtende Pensionssplitting. Pensionsversicherungsbeiträge sollen nach einem Kind für einige Jahre automatisch auf die Pensionskonten der Mütter und Väter aufgeteilt werden. Freiwillig ist das bereits heute möglich, wird aber nicht wirklich in Anspruch genommen.

Es darf auch keine finanziellen oder beruflichen Nachteile durch Karenz geben. 24 Monate Karenz sollten daher in jedem Kollektivvertrag angerechnet werden.

Und es ist uns besonders wichtig, auf die Auswirkungen von langer Teilzeit-Arbeit hinzuweisen. Noch vor wenigen Jahren haben Frauenorganisationen für diese Möglichkeit gekämpft, heute sehen wir, dass lange Teilzeitarbeit oft in Pensionsarmut endet. Rund 70 Prozent der Frauen arbeiten heutzutage, davon aber rund die Hälfte in Teilzeit – bei den Männern sind es nur 12 Prozent. Teilzeit bedeutet niedrigeres Einkommen und damit auch eine kleinere Pension. Wir appellieren daher vor allem an die Eigenverantwortung von Frauen!  Frauen müssen ihr Leben eigenverantwortlich planen. Es spricht nichts dagegen, einige Jahre zugunsten der Kinderbetreuung in Teilzeit zu arbeite. Besonders schön wäre es, wenn sich Väter und Mütter dies aufteilen würden. Aber jede Frau sollte ihre Pension stets im Auge behalten und ihre Erwerbsarbeit danach ausrichten.

Das alles schaffen wir aber nicht alleine. Wir Frauen müssen uns organisieren und unsere Netzwerke stärken, echte Frauen-Power zeigen! Wir polarisieren dabei nicht zwischen Männern und Frauen, ganz im Gegenteil: Wir setzen uns gemeinsam für gleiche Chancen ein, viele Männer unterstützen uns auf diesem Weg und wünschen sich das auch. Denn uns allen ist klar: Unsere Gesellschaft besteht aus rund 52 Prozent Frauen und 48 Prozent Männern – nur gemeinsam können wir die Herausforderungen der Zukunft bewältigen. Wir alle müssen unsere Talente und Stärken dafür einsetzen, immer gerade dort, wo sie gerade gebraucht werden. Es kommt also auf jede Frau und jeden Mann an.

Den Weltfrauentag gibt es seit über 100 Jahren. Und wir brauchen ihn auch in Zukunft noch, um jährlich die Aktivitäten sichtbar zu machen und gemeinsam echte Lösungen voran zu treiben.

Wichtig ist uns dabei ein politischer Stil, der ein gemeinsames Arbeiten wirklich ermöglicht. Es ist auch Aufgabe von uns Frauen, einen respektvollen und wertschätzenden Umgang mit allen PolitikerInnen zu pflegen, auch wenn wir unterschiedliche Sichtweisen und Haltungen haben. Wir müssen zeigen, dass Politik auch anders geht – nur so werden wir junge Menschen motivieren, sich auch selbst politisch zu engagieren.

Ziel der Frauenbewegung ist, dass wir unsere Unterschiede gleichberechtigt leben können und wir alle unsere Talente und Stärken dort einbringen können, wo sie gerade gebraucht werden! Es ist noch viel zu tun – packen wir’s an!

 

Rückfragen:
LTVP Martina Rüscher
+43 664 2822455

 

Foto: (c) Daniel Mauche

Foto in HQ: https://we.tl/t-t1Ygn0IPeX 

Video: Statement Landesleiterin Martina Rüscher 


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